Friday, April 20, 2012

Teuflische Friedensperspektiven


(Aus Factum, Schweiz, April 2012)

Von UWE SIEMON-NETTO

Der Name des Teufels leitet sich bekanntlich vom griechischen Wort Diabolos ab, zu Deutsch: der Durcheinanderwerfer.  Es liegt in der Natur Satans, dass er eine gute Sache ins Gegenteil umzukehren trachtet, zum Beispiel den Friedenswunsch. Dieser Wunsch lässt sich, der Leser verzeihe mir das kesse Wortspiel, auch „auf Teufel komm’ ‚raus“ stillen, nicht weil die Welt dadurch besser würde, sondern weil Wahlkampf ist und das Stimmvolk einen kostspieligen Waffengang nicht mehr mag. Dann wird nach einer „Auswegsstrategie“ gesucht, wird ein „ehrenhafter Friede“ angestrebt, wird heimlich mit dem Gegner verhandelt, so als gelte es, zu entscheiden, ob ein Hohenzollernkönig oder eine Habsburgerkaiserin fortan über Schlesien herrschen werde.

Aber so harmlos wie zu Zeiten Friedrichs des Grossen und Maria Theresias ist das nicht mehr. Heute hat es der Westen mit Feinden zu tun, die sich in der zynischen Gewissheit wiegen, dass Demokratien „psychologisch und politisch nicht in der Lage sind,  einen sich lange hinziehenden Krieg zu führen“, wie der nordvietnamesische Verteidigungsminister Vo Nguyen Giap es vor einem halben Jahrhundert formulierte. Die Feinde der Freiheit und der Menschenrechte haben Geduld, Demokraten haben es nicht. Wenn sich kein eindeutiger Sieg in einem annehmbaren Zeitraum abzeichnet, sind Demokraten zu fast jedem Kompromiss bereit, und sei er noch so beschämend. Das sage nicht ich; das sagte Giap, der kommunistische Meisterstratege von Hanoi. Aber ich habe vor 40 Jahren als Kriegsberichterstatter in Indochina miterlebt, dass Giap uns richtig einschätzte. Und in Afghanistan erleben wir’s jetzt wieder. In den USA und Europa fordern Mehrheiten den Truppenabzug, egal, was danach geschieht, nämlich, dass dann die Hölle los sein wird.

Die Hölle? Nun ja, dies im wörtlichen Sinne zu behaupten, wäre untheologisch. Also sagen wir: Vorhölle. Oder wie sonst wäre dieser Zustand zu beschreiben: Alle Frauen und Mädchen werden unter Hausarrest gestellt und dürfen das Haus nur von Kopf bis Fuss verhüllt in Gesellschaft eines männlichen Verwandten verlassen. Wenn unter ihrer Burka Millimeter ihrer Fesseln aufblitzen oder ihre Schuhe quietschen, droht ihnen die Prügelstrafe. Sie dürfen nicht lesen und schreiben, keine Geographie, Geschichte oder Mathematik  lernen und keinen Beruf ausüben. Sie müssen in verdunkelten Räumen leben und wegen des Mangels an Sonnenlicht unter  Hautkrankheiten leiden. Sie sind unterernährt und werden unzureichend oder überhaupt nicht medizinisch versorgt, weil Ärztinnen nicht mehr praktizieren und männliche Ärzte keine Frauen anrühren dürfen. Wenn sie mit einem anderen Mann als ihrem eigenen Verkehr haben – und sei’s unter Zwang – werden sie gehenkt oder zu Tode gesteinigt; Homosexuelle werden lebendig begraben.

Entstammt dies meiner kranken Phantasie? Keineswegs. So war’s vor 15 Jahren unter den radikalmoslemischen Taliban bevor sie vor einem Jahrzehnt verjagt wurden. Jetzt bereiten sie sich – der Einsichten des Nordvietnamesen Giap eingedenk – geduldig darauf vor, nach dem Abzug der Amerikaner, der Briten, der Deutschen, Franzosen und der anderen NATO-Mitglieder ihr Terrorregime in Kabul wiederaufzunehmen. Nichts gibt zu der Annahme Anlass, dass sie milder vorgehen werden, wenn sich der Westen aus Afghanistan gestohlen hat und seine Truppen mit Sicherheit nicht zurückkommen werden.

Woher habe ich meine Kenntnisse? Sehen Sie, das ist faszinierend. Ich entnahm sie einem 15 Jahre alten Bericht auf der Webseite von „NOW“– der grössten amerikanischen Frauenorganisation, die sich damals noch um das Los ihrer Schwestern am Hindukusch sorgte, was heute ihr und anderen Feministenverbänden längst nicht mehr in den Sinn kommt. In ihrem abstossenden Narzissmus verschwenden sie keinen Gedanken auf die diabolischen  Perspektiven jener wehrlosen Geschöpfe. Auch sie haben den Wahlkampf vor Augen. Sie agitieren dafür, dass in Washington jene Partei an der Macht bleibt,  die nicht an ihrem „Recht“ rüttelt, ihre eigene Leibesfrucht zu töten, so wie dies seit der Freigabe der Abtreibung in den USA vor fast 40 Jahren 56 Millionen mal geschehen ist. Hier sei noch einmal der Leibhaftige erwähnt, und zwar mit einem Lutherwort: „Der Teufel ist aller Kinder Feind und sieht ungern, dass sie zur Welt kommen.“





Wenn der Platzregen aufhört

(Dieser Kommentar erschien 2011 in der Schweizer Monatszeitschrift Factum)

Von UWE SIEMON-NETTO

Im schrillen Talkshowpalaver, das in den USA augenscheinlich den seriösen Journalismus abgelöst hat, ist eine Floskel täglich zu hören. Sie lautet „American Exceptionalism“. Dieser Begriff fußt auf der These, dass sich die Vereinigten Staaten aufgrund ihrer demokratischen Ideale Freiheit, Gleichheit und Individualismus von allen anderen Nationen qualitativ unterscheiden. Dieser Gedanke ist nicht neu; er wirkt aber heute besonders grotesk, weil er zumeist mit Seitenhieben gegen Europa, insbesondere Frankreich, geäußert wird. Kein Land sei so großmütig, hilfsbereit und opferwillig wie die USA, sagen die Kommentatoren, aber keines ernte soviel Undank. Kurz, Amerika sei herzensgut, während das „sozialistische“ Europa den Makel habe, dass es dort zu viele Europäer gebe. Mit dieser Abgeschmacktheit erntete ein Medienstar unlängst im Fox-Kabelfernsehen das vergnügte Prusten seiner Mitschwätzer.

Ich bin ein konservativer Europäer. Umso mehr empört es mich, dass vor allem die vorgeblich konservativen Gegner Barack Obamas, zu dessen Verehrern ich wahrlich nicht zähle, vor Millionen Fernsehzuschauern dyergestalt daherplappern, und mich erbost   insbesondere der selbstgerechte, pseudoreligiöse Unterton der Behauptung, dass Amerika „exzeptionell“ sei. Amerikas Sonderrolle wird wie eine Gottesgabe dargestellt. Niemand scheint diesen Leuten entgegenzuhalten, dass es biblisch gesehen nur ein auserwähltes Volk gibt, nämlich das jüdische; dass darüber hinaus jedes Land wie auch jedes Individuum spezifische göttliche Berufungen hat, von denen keine über der anderen rangiert; dass drittens die Erbsünde alle Menschen befallen hat.

Angesichts des pseudoreligiösen Charakters dieses Geredes erinnere ich an das Lutherwort vom „fahrenden Platzregen, der „nicht wieder dahin kommt, wo er einmal gewesen ist.“ Luther meinte damit plötzliche Segnung bestimmter geographischer Plätze -- zum Beispiel Deutschlands zur Reformationszeit -- mit Gottes Wort. Das gleiche gilt auch für den weltlichen Bereich. Gott vertraut Nationen besondere Aufgaben an. Aber wir wissen aus dem Alten Testament, dass Gott einer untreuen Nation auch seinen Rücken zuwenden kann.

Nur Toren können bestreiten, dass Amerika im Weltgeschehen zwar einen gewichtigen Auftrag hat aber derweil daheim vom Weg abgekommen ist. Vor den jüngsten Kongresswahlen war viel von Steuern die Rede, viel vom Schrumpfen des Wohlstandes der Amerikaner, viel auch von Arbeitslosigkeit, und dies waren legitime Themen. Aber erstaunlich wenig wurde darüber gesprochen, dass die Vereinigten Staaten die westliche Welt eben nicht nur vor Tyrannei schützten sondern auch in den Morast einer Massenperversion führten, die mit den Idealen von Freiheit und Gleichheit unvereinbar ist: Ich meine den Entzug  des Lebensrechtes ungeborener Kinder.

Seit der Oberste Gerichtshof 1973 die Abtreibung billigte, sind in diesem Land mindestens 70 Millionen Babys in Mutterleib umgebracht worden. Jährlich werden 1,2 Millionen mehr gemeuchelt. Die meisten anderen Demokratien sind diesem Beispiel Amerikas gefolgt und nicht umgekehrt, so wie sie die Leitmacht auch in ihren anderen Verirrungen nachäfften, sei es in der Glorifizierung des Drogenkonsums, sei es indem sie Homosexualität und Ehe zunehmend gleichsetzten und damit die Familie als Schöpfungsordnung in Frage stellten.

Dies alles verleiht dem "American Exceptionalism" einen düsteren Aspekt, denn es mutiert die demokratische Tugend des Individualismus zur Untugend der Ichsucht, und dies schlägt sich allenthalben in der wirtschaftlichen, geistigen, kulturellen und politischen Malaise der USA nieder.

Obama und sein Berater, vorwiegend Veteranen der linksradikalen Szene der Sechzigerjahre, treten vehement für das "Recht" werdender Mütter ein, zwischen Leben und Tod ihrer Leibesfrucht wählen zu dürfen. Der permanente Verstoß gegen das Lebensrecht Millionen Ungeborener war im letzten Wahlkampf aber bestenfalls ein Randthema. Und dies stellt die Verkünder des „American Exceptionalism“ in ein absurdes Licht. Denn es ist vermessen zu glauben, dass Gottes Platzregen auf die Dauer den von immer frischem Blut getränkten Boden fruchtbar halten wird -- in Amerika und anderswo. Um Luther zu paraphrasieren: Platzregen haben es an sich, weiterzufahren.

Wednesday, April 4, 2012

Press Ignores Routine Black Success Stories

From the April 5, 2012, edition of The Wall Street Journal

By UWE SIEMON-NETTO

Rick Nagel's response (Letters, March 31) to Juan Williams's "The Trayvon Martin Tragedies" provides a sad testimony of the current state of journalism. Why do we read and hear so little of those black "entrepreneurs, fund managers, attorneys, teachers" who once studied under Mr. Nagel and similar teachers?

As a former foreign correspondent covering this country for decades, I blame the dearth of curiosity and imagination among assignment editors and reporters for this. Rather than dig up exciting stories about such remarkable people, they perpetuate clichés by parading out opportunistic and boring characters such as the Rev. Al Sharpton and the Rev. Jesse Jackson, who should have long been relegated to dotage in obscurity.

You rarely find out much about competent pastors of healthy black congregations. When I lived in downtown Washington, I attended Mount Olivet Lutheran Church, an almost all-black parish a 10-minute walk from the offices of the capital's leading newspaper. Not once did Mount Olivet's elegant and Gospel-centered sermons, its fine liturgy and educated, successful members attract media attention. The problem was that they were too "normal"; they did not fit stereotypes as readily as Messrs. Sharpton or Jackson.

Is it good journalism to ignore what's excellent and normal? Trust an old newspaperman: It is not and does harm to all of us, especially African-Americans.

Uwe Siemon-Netto

Laguna Woods, Calif.

Monday, March 12, 2012

Santorum und Amerikas „geistlicher Krieg“

Uwe Siemon-Netto

„Was ist mit den Amis los?“ fragt der Titel eines Bestsellers von Christoph von Marschall, der aus Washington für den „Tagesspiegel“ berichtet. Das Buch soll Deutschen helfen, den US-Wahlkampf zu verstehen. Für den Ex-Senator und Außenpolitiker Rick Santorum, 53, der sich trotz finanzieller Widrigkeiten im Ringen um die republikanische Kandidatur fürs Präsidentenamt respektabel behauptet, ist die Antwort eindeutig: In Amerika sei der Teufel los; Satan habe das Land im Fadenkreuz. Diese Aussage macht Santorum bei den Vorwahlen seiner Partei zwar nicht zum Favoriten; er ist die Nummer zwei, während Mitt Romney führt. Aber beim Parteikonvent am 27. August in Tampa (Florida) muss dieser mindestens 1.144 Delegiertenstimmen auf sich vereinigen, um nominiert zu werden. Bis dahin ist der Weg weit.


Santorums gutes Abschneiden ist faszinierend, weil es die Gemütslage Amerikas dartut. Die Evangelikalen bevorzugen den Katholiken Santorum, aber nicht nur sie; nach Ansicht des lutherischen Theologen Robert Benne hat dieser Sohn eines Italieners nach wie vor Chancen, von seiner Partei nominiert zu werden. Denn das Unbehagen vieler Amerikaner, gerade aus der Arbeiter- und Mittelschicht, über den sittlichen Verfall der USA greift um sich. Mir sind die Worte eines braunhäutigen MRT-Technikers im Ohr, der mich, während das von ihm bediente Siemens-Gerät meine Frau untersuchte, bange fragte: „Wird Gott unserem Land den Rücken zuwenden, nachdem wir uns von ihm abgewandt haben?“


Im Hinterland ist diese Furcht immer öfter zu hören. Gewiss, laut Meinungsumfragen ist zur Zeit die Wirtschaft das erste Wahlkampfthema; aber ethische Faktoren spielen eine wichtige, wenngleich für Meinungsforscher manchmal schwer auszulotende, schattenhafte Rolle: Was sagt es über die USA aus, wenn immer mehr Fahnen auftauchen, die das hoch in Ehren gehaltene Sternenbanner mit Homo-Symbolik kombinieren? Auf welch’ abschüssiger Bahn sind wir gelandet, wenn schon acht der 50 Bundesstaaten Schwulenehen zulassen; wenn seit Obamas Amtsantritt Militärseelsorger gleichgeschlechtliche Paare trauen dürfen; wenn, wie in Kalifornien, ein Bundesgericht gar einen Volksentscheid wider solche Vermählungen als verfassungswidrig verwirft?


Santorums Popularität hängt auch damit zusammen, dass neuerdings eine Mehrheit das Recht von Frauen ablehnt, ihre Leibesfrucht töten zu lassen. Dies trifft namentlich auf jüngere Leute zu, seit sie dank Ultraschall sehen können, was im Mutterleib wächst, nämlich ein Mensch und kein bloßer Zellenklumpen. Furios versuchen deshalb Feministinnen in den US-Teilstaaten Gesetze zu unterbinden, die werdende Mütter zwingen sollen, sich dies vor dem Eingriff auf dem Bildschirm anzusehen.


Santorum, der dem ärztlichen Drängen widerstanden hatte, das jüngste seiner sieben Kinder wegen eines genetischen Defektes abtreiben zu lassen, wurde weltweit verhöhnt, als bekannt wurde, dass er vor vier Jahren in einem Referat an der Ave-Maria-Universität in Florida vom „Vater der Lügen“ gesprochen hatte. Satan beim Namen zu nennen gilt in aufgeklärten Kreisen als „mittelalterlich“, auch in Deutschland. „Spiegel-Online“ verspottete denn auch den „Jesus-Kandidaten“ Santorum als „bizarr“. Wenn aber ein Mensch „bizarr“ genannt wird, weil es ihm mulmig wird beim Gedanken an die 56 Millionen Unbescholtenen, die umgebracht wurden, seit der Oberste US-Gerichtshof 1973 die Abtreibung zugelassen hat, dann ist es an der Zeit, an die griechische Wurzel des deutschen Wortes Teufel zu erinnern: „diabolos“, der Durcheinanderwerfer.


In seinem Ave-Maria-Vortrag sprach Santorum von dem „geistlichen Krieg“, den Satan schon seit fast 200 Jahren gegen die großen Institutionen Amerikas führe, wobei Hochmut, Eitelkeit und Sinnlichkeit seine Waffen seien. Zuerst und am erfolgreichsten habe der Teufel das Hochschulwesen attackiert, weil es die Eliten ausbilde. „Nachdem es seinem eigenen Stolz und seinen falschen Wahrheiten erlegen war“, sagte er, sei der Protestantismus gefallen, der die US-Kultur geprägt habe. „Betrachten wir dem Zustand der Mainline-Kirchen (gemeint: der liberalen Volkskirchen), dann sehen wir, dass sie sich in ihrer Verwirrung aus dem Weltchristentum... verabschiedet haben.“


Besonders anschaulich lässt sich dieser Sachverhalt am Fall des Abtreibungsarztes Dr. George Tiller aus Wichita (Kansas) festmachen. Er hatte nach eigenem Bekennen 60.000 Föten getötet, die meisten im letzten Trimester der Schwangerschaft. Folgen wir Santorums Szenarium, war dies nur möglich, weil eben die Wissenschaft die im Naturrecht verankerten ethischen Werte in Frage gestellt hat, einschließlich des Wertes menschlichen Lebens. Tiller gehörte einer Gemeinde der konservativen lutherischen Missouri-Kirche an, trat aber aus, bevor sie ihn exkommunizierte. Er schloss sich der liberalen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELCA) an, deren Prediger manchmal Abtreibungskliniken als „Gesundheitszentren für Frauen“ verniedlichen.


In seiner neuen ELCA-Gemeinde war „Tiller, the Killer“, so sein Spitzname, ob seiner Großzügigkeit hochwillkommen und durfte den Abendmahlskelch reichen. Vor drei Jahren erschoss ihn der Busfahrer Scott Roeder in der Kirche, woraufhin Tiller als Märtyrer geehrt wurde; der renommierte Bioethikprofessor Jacob Appel aus New York feierte ihn gar als einen „echten Helden im Pantheon der Verteidiger menschlicher Freiheiten, neben Martin Luther King.“ Die Öffentlichkeit im US-Staat Kansas nahm das Phänomen Tiller beklagenswert unkritisch hin, wie Fernsehmoderator Bill O’Reilly monierte. Auch die Politik war an diesem Vorgang schändlich beteiligt: Kathleen Sebelius, damals Gouverneurin von Kansas, war mit Tiller befreundet, deckte ihn und nahm dankbar seine Wahlkampfspenden entgegen.


Frau Sebelius ist Katholikin; ihr Bischof bat sie, in seiner Diözese fortan nicht mehr das Sakrament zu empfangen. Jetzt ist sie als Obamas Gesundheitsministerin in einen monumentalen Konflikt zwischen der Regierung und der mächtigen katholischen Kirche verwickelt. Washington will die Kirchen zwingen, in die Krankenversicherungsverträge für die Angestellten ihrer Krankenhäuser und Hochschulen auch empfängnisverhütende Mittel und die „Pille danach“ einzubeziehen. Die Kirche, einschließlich liberaler Katholiken, bäumt sich gegen diesen Eingriff in ihre Glaubenssätze auf; dies kann Obama im November schaden; mit 65 Millionen Mitgliedern ist sie die größte Konfession in den USA, und normalerweise stimmt eine Mehrheit unter ihnen demokratisch.


Santorum vermeidet zurzeit persönliche Angriffe auf Obama. Aber vor vier Jahren zeigte er in Florida die tiefe Schlucht zwischen sich selbst und dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Obama auf, der 2001 als Abgeordneter im Oberhaus des Staates Illinois gegen eine Gesetzesvorlage stimmte, die das Lebensrecht eines Babys garantiert hätte, das den Versuch einer Spätabtreibung überlebte. Santorum zitierte damals ein Interview Obamas mit dem Kirchenredakteur der Zeitung „Chicago Sun-Times“. Es verlief so:


Frage: „Was ist Sünde?“


Obama: „Von meinen eigenen Werten abzuweichen.“


Mit anderen Worten: die eigenen Werte sind der Sündenmaßstab, und nicht die Unfähigkeit des Menschen, Gott zu vertrauen, kombiniert mit „böser Lust und Neigung“, wie die Augsburger Konfession die Erbsünde deutet. Santorums Kommentar: „Hier haben wir den ersten wahrhaft postmodernen Präsidentschaftskandidaten, der ausdrücklich seine eigene Realität definiert.“ Eines der Merkmale der Postmoderne ist, dass jeder nach seinem eigenen Belieben seine Wertskala bestimmen und ändern kann.


Santorum verteufelt wohlgemerkt Obama keineswegs. Als bekennender Christ identifiziert er lediglich den Frontverlauf im „geistlichen Krieg“ um Amerika. Ob Santorum im November gewinnen oder auch nur antreten wird, ist ebenso wenig ausgemacht wie die törichte Annahme mancher rechtsextremer Amerikaner, dass Obama der Wahrhaftige sei und zwangsläufig im postmodernen Denken verharren müsse. Aber wer Amerikas Drama verstehen will, muss sich erst einmal der Dimension des Kampfes vergewärtigen, der um seine Seele – und damit die Seele der westlichen Welt – ausgetragen wird. Hier ringt das christliche Amerika, zu dem Santorum sich bekennt, mit dem Vermächtnis des ersten Wortführers der ichbezogenen Postmoderne, Aleister Crowley (1875-1947), dessen Motto lautete: „Tue wonach dir der Sinn steht; dies allein ist das Gesetz“, und der sein Leben entsprechend gestaltete.


Crowley war Engländer, prägte aber düstersten Aspekte der heutigen amerikanischen Gesellschaft mit; die offiziell anerkannte „Kirche Satans“ beruft sich unter anderem auf ihn. Der britische Schriftsteller Somerset Maugham hielt ihn für den „bösesten Mann, dem ich je begegnet bin“, und der irische Poet W.B. Yeats nannte ihn den „König der Verderbtheit“.


Dr. Uwe Siemon-Netto ist Gründungsdirektor des Zentrums für lutherische Theologie und öffentliches Leben in Capistrano Beach, Kalifornien.

Causa Wulff: Unfassliche Inhumanität

von UWE SIEMON-NETTO

Jetzt, da Christian Wulff mit Großem Zapfenstreich aus seinem Amt verabschiedet wurde, ist ein Nachwort fällig. Ich habe diese Affäre aus der Ferne verfolgt und bekam eine Gänsehaut ob der unfasslichen Inhumanität meiner Landsleute und ihrer Kirchenführer gegen einen Mitmenschen. Herr Wulff ist kein Verbrecher; es gab weder eine Anklage, noch eine Beweisaufnahme noch ein Urteil gegen ihn. Gleichwohl traten die Medien, einschließlich leider der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, eine Hasslawine gegen ihn los, die in der Geschichte dieser Republik kein Beispiel hat.

Ich begreife nicht, wieso sich die FAZ ohne Not an die Spitze eines Lynchmobs gesetzt hat. Wulff wurde zum nationalen Unhold gemacht. Wo werden er und seine Familie fortan noch in unserem Lande ihr Gesicht zeigen können? Was haben seine Kinder jetzt an der Schule auszustehen? Der hämische Pöbel, der sich heute in Zeitungsblogs artikuliert, erinnert mich an die Tricoteusen rund um die Guillotine der französischen Revolution -- und an Schlimmeres. Bedenklicher als Wulffs vielleicht fragwürdige Ethik ist der Unrat, der sich hier von der Volksseele entlud.

Dass sich gleich mehrere FAZ-Ressorts an dieser Hatz beteiligten, stellt ihr Verhalten keineswegs in ein edleres Licht. Im Gegenteil: Hier wurde im Gleichschritt marschiert -- im Gleichschritt miteinander und mit BILD, das früher einmal ein amüsanter Jahrmarkt war, jetzt aber zu einem Koloss mit enormer Machthybris mutiert ist.

Strafverschärfend kam hinzu, dass sich dies alles auf Souterrain-Niveau vollzog; nie werde ich den unappetitlichen Hinweis der Fernseh-Moderatorin Bettina Schausten auf ihre Gästematratze vergessen. Wir erinnern uns: Sie fragte Wulff vor laufender Kamera, wieso er nicht seiner Gastgeberin -- wo war's, in Florida? -- 150 Euro zugesteckt habe. Spätestens an diesem Punkt hätten sich die FAZ-Verantwortlichen sagen müssen: "In dieser Allianz haben wir nichts zu suchen." In zivilisierten Kreisen ist ein Gast genau das, was dieses Wort besagt: ein Gast. Ein solcher gibt der Hausherrin kein Trinkgeld, bringt aber vielleicht eine Kiste Wein oder ein anderes Geschenk mit; derlei Aufmerksamkeiten scheinen im verproleteten Berlin nicht geläufig zu sein,

Als Journalist mit 55 Berufsjahren schäme ich mich meiner Zunft. Wenn sie aber tatsächlich das neue Antlitz der Deutschen präzise porträtiert hat und das übermittelte Hasspotential der Realität entspricht, dann: Kyrie eleison!

Friday, April 8, 2011

FAITH MATTERS: Hugo Chávez -- Bolivar's red reincarnation?

By Uwe Siemon-Netto

In the late 1990s, Princeton historian Bernard Lewis came across Ayatollah Khomeini’s short book, “Islamic Government,” which later became known as the Islamic cleric’s “Mein Kampf.” It detailed what Khomeini planned to do with his country once he came to power. “I tried to bring this to the attention of people here. The New York Times. Underestimating -term strategies of sinister leaders seems endemic in the Western media. The quasi-religious fervor with which Venezuelan President Hugo Chávez pursues his plan to resurrect Simon Bolívar’s empire, Grand Colombia, is largely overlooked.

When in 1999 Venezuelans elected left-winger Hugo Chávez as their new president, word spread among the wizards of the syncretistic Maria Lionza cult that the revered Bavarian warlock Klaus-Dieter Nassall had proclaimed him Simon Bolívar reincarnate who would do wondrous things for his nation.

Soon Chavez’s busts began adorning the altars of Maria Lionza temples in the barrios of Caracas and other major cities, alongside images of the Holy Trinity, the Virgin Mary, the archangel Michael assorted Catholic saints, Viking warriors and other idols nobody else has ever heard of, such as some peculiar figures wearing top hats and post-Victorian attire.

The victory of this former lieutenant-colonel seemed to confirm a prophecy by Beatriz Veit-Tané, a self-proclaimed high priestess of Maria Lionza. She predicted in 1967 that in the year 2000 “a messenger of light will rise from the humble classes” to resurrect Gran Colombia, Bolivar’s short-lived creation. It consisted of present-day Venezuela, Colombia, Ecuador, Panama and Bolivia, but collapsed shortly before Bolivar’s death in 1830. To restore Gran Colombia was also one of the political goals of the FARC, Colombia’s lethal, kidnapping, cocaine-trafficking Communist guerilla movement whose leaders proclaimed Chávez as the quintessential “Bolivarian officer.” It seems fitting that before he came to power, Chávez always kept an empty chair for Bolívar at board meetings of his Socialist Party.

In the last dozen years Chávez has craftily cobbled together a left-wing alliance of Latin American countries that might well became the base of a future, much lager Gran Colombia. It includes Bolivia, Argentina and Nicaragua, lending some credence to the sinister statement by Antonio Osuña, the “brujo” (medium) of a Spiritist temple in El Carpintero outside Carácas, “Today he’ll own Venezuela, tomorrow the entire world,” reminding me eerily of a Nazi slogan I had heard in my childhood: “Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt” (today we own Germany, tomorrow the whole world).

Osuña later became “quite angry with Chávez,” according to Angelina Pollack-Eltz, an Austrian ethnologist and Maria Lionza authority who had lived in Carácas for decades; this month she returned to her native Vienna for good. Life in Venezuela was now “zu ungemütlich,” too uncomfortable, she explained. In the last four years it had become too dangerous for her to enter the barrios for research; “Maria Lionza is now a wholly evil cult.”

Yet a powerful cult it is. According to Rainer Mahlke, another German scholar, one-third of Venezuela’s 22 million citizens is at least “passively involved” with this religion, which is based on the teachings of the 19th-century French schoolteacher Léon Dénizarth-Hippolyte Rivail (1804-1969). Writing under the nom de plume of Allan Kardec, Rivail taught that souls, while in transit from one body to the next, could be appealed to for guidance.

Since the late 19th century, Rivail has had a significant influence on mystical circles in Europe, Australia and the Americas, where members of the bourgeoisie conducted séances in darkened rooms making spirits opine on contemporary affairs. If this superstition calmed down a trifle during World War II and its aftermath, it returned with a vengeance after the 1960s when New Age rescued Kardec from oblivion. Societies bearing his name sprang up in every western country where his standard work, The Spirits’ Book, can be downloaded from the Internet in many languages.

In Venezuela, Kardec-style spiritualism filtered down to the poor and crime-infested slums where it mixed with folk Catholicism and tribal religions. Hundreds of thousands are now actively engaged in this cult in whose temples the departed allegedly take possession of mediums puffing liturgical cigars and drinking astounding amounts of liquor, usually cheap rum but on rare occasions also fine cognac or sweet champagne.

Cognac must be fed to a medium by anyone hoping to be possessed by Bolivar himself. The faithful call upon him for advice on political and legal matters, though Mahlke informs us that when you try to invoke the “libertador” you can never know who might show up. It could be John F. Kennedy, or Hitler, or Stalin rather than Bolívar.

As for the sweet champagne, well, that’s the favorite tipple of Maria Lionza who gave the cult its name. As Venezuelan lore has it, she was the fair-skinned, green-eyed daughter of a Jirajara Indian chief centuries ago. At her birth, a shaman advised the chief to kill this child at once, lest she unleash calamity upon her people.

Instead, the chief ordered his best braves to raise his daughter away from the tribe near a lagoon guarded by an anaconda. Alas, the reptile fell in love with the girl and gobbled her up when she resisted its advances. As a result, the snake grew and grew, squeezing the water out of the lagoon. The water flooded the Indian settlement and drowned the tribe, fulfilling the shaman’s warning.

Then the anaconda burst. Out popped Maria Lionza. It seems that she looked just like – centuries later -- Spanish-born empress Eugenie of France, the wife of Napoleon III. At least this is how Venezuelan artists have been portraying her ever since Kardec's teachings became the rage of Venezuela's elite just about the time when Napoleon III and Eugenie were sent into exile after losing the Franco-Prussian War in 1871.

To her worshipers, Maria Lionza, Eugenie's look-alike, is of course still in power as queen of all nature, of game and fish, forests and rivers, ranches, coffee and tobacco plantations. With a crown glistening in her luscious brown hair, she is the Madre Reina, the queen mother heading a trinity called “Las Tres Potencias,” or three powers.

Her partners are Guaicaipuro, the ferocious Indian chief who fought the Spanish conquerors in the 16th century, and Pedro Camejo, Bolívar’s faithful general also called Negro Primero. Each represents the principal races in Venezuela. Guaicaipuro is brown, Camejo black, and Maria Lionza, though allegedly the daughter of an Indian chief, has nevertheless the alabaster skin of a Spanish noblewoman – for that’s what Empress Eugénie was born as.

This is not to say that these three outrank Christianity’s triune God. Angelina Pollack-Eltz saw Maria Lionza rather as a “utilitarian cult” that does not presume to be an alternative to Catholicism but rather a supplement. The God of Christianity is the master of the universe to be worshiped in church, no question about that.

But the other trinity – Maria Lionza, her two colleagues and their entire pantheon – used to help in sickness, affairs of love, and matters of terrestrial power. It is before these ghosts that the faithful brought sinister desires they dared not bother to trouble God with, such as their lust for affluence on earth and even their dark wish to wreak misfortune on an adversary. “Now I understand that they are only approached with evil wishes.”

Maria Lionza appears seldom at séances, giving advice to the faithful through a medium intoxicated with sweet champagne. On one of these rare occasions she evidently counseled a shop apprentice by the name of Eugenio Mendoza, Klaus-Dieter Nassall related. “The Madre Reina’s counsel bore fruit. It made Mendoza an industrialist and one of Venezuela’s richest men – the nation’s ‘king of concrete.’” Not surprisingly, he remained a fervent Maria Lionza follower until his death in 1979.

Here of course ends the analogy with Hugo Chávez, who in a confusing spiritual role-swapping exercise sometimes appealed to Simon Bolivar’s guidance, and sometimes proclaimed that he was Bolívar incarnate himself, according to Maria Lionza students interviewed in Caracas a few years ago. Now, says Angelina Pollack-Eltz, it seems that this left-wing opponent of free enterprise has lost his passion for a cult that made people rich. Though his busts can still be found on Maria Lionza altars, a chair held empty for Simon Bolívar no longer seems a feature of the Chávez regime whose ideological models are Fidel Castro and Ché Guevara and whose international friends include Iran’s Mahmoud Ahmadinejad and Libya’s Muammar Gaddafi.

Uwe Siemon-Netto, the former religious affairs editor of United Press International, has been an international journalist for 54 years, covering North America, Vietnam, the Middle East and Europe for German publications. Dr. Siemon-Netto currently directs the League of Faithful Masks and Center for Lutheran Theology and Public Life in Irvine, California.

Tuesday, April 5, 2011

WORLD MATTERS: Germany’s next vice chancellor – an Asian Christian

By Uwe Siemon-Netto

Germany’s next vice chancellor will most likely be a young man who does not fit the stereotype of a German. Philipp Rösler, 38, looks Asian because he is a native Vietnamese, and he has a wonderful sense of humor utterly devoid of the political correctness that is currently stifling the country’s cultural climate. To the hilarity of a Bavarian audience he described the occasional tiffs between Chancellor Angela Merkel and her current deputy and foreign minister, Guido Westerwelle, as “Zickenterror,” meaning a rapport of bickering bitches; Westerwelle is openly homosexual.

In May, the liberal Free Democrat Party (FDP), junior partner in Merkel’s coalition government, is expected to elect Rösler its new leader succeeding Westerwelle who has announced his intention to resign this position in the aftermath of the FDP’s crushing defeat in recent state elections. Rösler, an eye doctor, will also become vice chancellor while retaining his current position as health minister.

Westerwelle insists on remaining foreign minister, much to the dismay of prominent German commentators. Günther Nonnenmacher, publisher of the venerable Frankfurter Allgemeine Zeitung, bluntly called Westerwelle’s foreign policy a failure and accused him of clinging to his position solely for reasons of prestige. Westerwelle is generally held responsible for Germany’s disgraceful abstention in the U.N. Security Council’s vote to enforce a no-flying zone over Libya militarily thus breaking rank with her NATO partners.

Rösler, an orphan from in Soc Trang in southern Vietnam, was adopted by a German couple when he was nine months old. He grew up in Hamburg, did his military service in the German Army’s medical corps, studied medicine and specialized in ophthalmology. According to idea, a Protestant news service, he became a “committed Christian” 11 years ago while working in a catholic hospital where he was “confronted with suffering and death.”

When Rösler was baptized, his girlfriend Wiebke, who is also a physician, was his Godmother. The two later married and now have twin daughters. Rösler is now a member of the “Central Committee of German Catholics,” the umbrella organization of Catholic lay organizations.

A devout Catholic as leader of Germany’s pro-business liberal party is a novelty. The FDP used to have strong anti-clerical and antireligious currents. But this era is over, according to its general secretary Christian Lindner who announced that German liberalism should from now on be “post-secular.”

Rösler is the first Asian-born member of the federal government in Berlin. His stellar career from eye doctor to minister of economics in the northern state of Lower Saxony and then minister of health in Merkel’s cabinet is in line with the astounding success the 35,000 South Vietnamese immigrants who came for the former West Germany after the fall of Saigon to Communist forces in 1975, and have extraordinarily well in their host country’s professions, businesses and academia.

By contrast, the 70,000 North Vietnamese imported as “guest laborers” by the former East Germany have not done well because the Communist regime kept them largely segregated from the German population. To this day many eek out their living as black market cigarette vendors.

Rösler’s likely election to the presidency of his party is expected to herald a new era in Germany’s political style. Rösler is spearheading a growing movement among young politicians promoting “a softer discourse,” “more authentic warmth,” and “modesty,” according to the weekly newspaper, Die Zeit. This marks a welcome contrast to the shrillness and self-centeredness, which, along with a dearth of humor, is still typical of much of their nation’s public discourse.

With Rösler around, this is changing. Last year he amused an audience by remarking that Germans can now buy a Barbie doll with the features of Chancellor Merkel for only 20 Euros ($28). But then he added in reference to Merkel’s preferred garment, “The problem is that each of these dolls comes with 40 trouser suits, and that makes them really expensive.”


Uwe Siemon-Netto, the former religious affairs editor of United Press International, has been an international journalist for 54 years, covering North America, Vietnam, the Middle East and Europe for German publications. Dr. Siemon-Netto currently directs the League of Faithful Masks and Center for Lutheran Theology and Public Life in Irvine, California.